Was sind die Diagnosekataloge DSM V und ICD 10?

Entstehung und Sinn von Diagnosekatalogen

Bereits im 19. Jahrhundert erkannte man die Notwendigkeit, klare Definitionen zur Diagnose von Krankheiten zu haben. Dabei stellte sich sehr bald als wichtig heraus, nicht nur anhand der Symptome zu klassifizieren, sondern auch die Beziehung zu den Ursachen herzustellen, da identische Symptome auf völlig unterschiedliche Ursachen zurückgehen können. Aus diesen Bemühungen und verschiedenen Vorläufern entstand bereits früh im 20. Jahrhundert die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD). Das ICD-System (aktuelle Version ICD 10) wird von der WHO herausgegeben. Charakteristisch für das ICD-System ist eine an den Ursachen orientierte Systematik der Krankheiten.

Weil Mitte vorigen Jahrhunderts die damals aktuelle ICD auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen nur eine unzureichende Klassifikation bot, hatte das amerikanische Militär, bei dem infolge des Zweiten Weltkriegs viele psychische Erkrankungen auftauchten, eine eigene Katalogisierung entwickelt, aus der die American Psychological Association (APA) die erste Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) weiterentwickelte. Eine an den Ursachen orientierte Systematik war dabei aber nicht möglich, weil über die Ursachen psychischer Störungen und Krankheiten zu wenig bekannt war. Es entstand daher im DSM-System, das inzwischen in seiner fünften Version DSM V vorliegt, eine ausschließlich an Symptomen orientierte Klassifikation.

Inzwischen hat die ICD-Klassifikation sich bei psychischen Erkrankungen weitgehend der DSM-Klassifikation angeschlossen. Zwar wurde versucht, auch hier eine an den Ursachen orientierte Klassifikation vorzunehmen, was aber bei vielen psychischen Erkrankungen oder Störungen bisher nicht gelungen ist.

Die Entstehung der DSM-Klassifizierung

Da die DSM-Klassifizierung nur an Symptomen, nicht aber an Ursachen orientiert ist, bedarf es zur Aufnahme von Symptomen in diesen Diagnosekatalog nur einer hinreichenden Zahl von in der APA vertretenen Wissenschaftlern und/oder Therapeuten, die das betreffende Symptom beobachten und dessen Aufnahme für notwendig halten. Da Ursachen ausgeklammert bleiben, wird die Frage, ob das betreffende Symptom überhaupt eine Krankheit charakterisiert oder ob es womöglich iatrogen erzeugt ist, vielleicht gestellt, nicht aber mit wissenschaftlicher Strenge beantwortet. Beispiele fragwürdiger Diagnosen gibt es genug. So war beispielsweise bis 1973 Homosexualität als pathologisches Symptom in der DSM II enthalten.

Die Aufnahme eines Symptoms in die DSM-Klassifizierung stellt daher keinen wissenschaftlichen Beweis dar, dass eine Krankheit mit diesem Symptom existiert, sondern zeigt nur, dass es eine hinreichend große Lobbygruppe gibt, die für die Aufnahme dieses Symptoms plädiert. Auf diese Weise ist in den neueren und neuesten Versionen der DSM-Klassifikation auch die Lobby der Pharmaindustrie sehr tätig gewesen, um Diagnosen zu etablieren, die ohne jeden Blick auf ihre Ursachen mit bestimmten Medikamenten behandelt oder unterdrückt werden können. Es wäre an der Zeit, dem DSM-Diagnosekatalog eine höhere wissenschaftlicher Relevanz zu geben, indem – soweit wie möglich – außer den Symptomen auch die Ursachen psychischer Erkrankungen mit einbezogen werden. Das ist allerdings in nächster Zukunft nicht zu erwarten, weil es den Interessen starker Lobbygruppen, vor allem denen der pharmazeutischen Industrie und einem Teil der Therapeuten, zuwiderläuft.

Die Bedeutung von Diagnosekatalogen für falsche Erinnerungen

Falsche Erinnerungen, spezifisch an sexuellen Missbrauch, finden sich in keinem Diagnosekatalog, denn diese Erinnerungen als solche stellen kein pathologisches Symptom dar. Für falsche Erinnerungen sind aber drei Diagnosen von Bedeutung, die sich im DSM IV und auch weitgehend unverändert im DSM V finden: die dissoziative Persönlichkeitsstörung, die Borderlinestörung und die postraumatische Belastungstörung.

Im Falle der Dissoziation wurde die Diagnose unter dem Titel der multiplen Persönlichkeit bereits in die Version DSM III aufgenommen. In DSM IV und V wurde aus den multiplen Persönlichkeiten die Dissoziative Identitätsstörung als Untergruppe dissoziativer Störungen.

Die Borderlinestörung ist eine sehr häufige Persönlichkeitsstörung und für die Entstehung falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch von besonderer Bedeutung, weil es in der Struktur dieser Persönlichkeiten liegt, dass bei ihnen falsche Erinnerungen besonders leicht therapeutisch induziert werden können.

Im Falle der posttraumatischen Belastungsstörung ist die medizinische Relevanz, die insbesondere bei Vietnam-Veteranen klar wurde, außer Zweifel.

Literatur zu Diagnosekatalogen

Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung)Entstehung multipler Persönlichkeiten

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