Fragebogenaktion von False Memory Deutschland

(Stand Juli 2017)

False Memory Deutschland ist seit Februar 2013 öffentlich aktiv. Ab November 2013 wurden Fragebögen an Falschbeschuldigte ausgegeben, von denen der größte Teil sich seitdem zur Beratung an FMD gewandt hatten. Mit allen Befragten waren vorher mehrere ausführliche, fast immer mehrstündige und zum größten Teil persönliche Beratungsgespräche geführt worden, aufgrund deren ausgeschlossen werden konnte, dass sich darunter wirkliche Täter befinden.

Die Fragebogenaktion und ihre Auswertung werden kontinuierlich fortgeschrieben. Zur Zeit liegen 90 ausgewertete Fragebögen vor.

Die bisherige Erfahrung ist, dass etwa 2/3 der Fragebögen ausgefüllt zurückkommen. Davon müssen ungefähr 5% von der Auswertung ausgeschlossen werden, weil die Beschuldiger noch nicht über das Alter der Pubertät hinaus sind. Somit handelt es sich dabei um die Befragung von Kindern, die eine ganz eigene Problematik darstellt und den Fällen der Mainz/Wormser Prozesse, des Montessori-Prozesses in Münster und ähnlichen Fällen entspricht. Sie sind daher den übrigen Fällen, in denen falsche Erinnerungen bei Erwachsenen entstanden, nicht vergleichbar.

Eine ähnliche Fragebogenaktion wurde im Jahre 2001 in den USA von Paul McHugh (Johns Hopkins University, Baltimore) gestartet und 2004 veröffentlicht (McHugh, Paul et. al., From Refusal to Reconcilation, in The Journal of Nervous and Mental Disease, 192/8 (2004), S. 525-531). Diese Aktion stützte sich auf 1734 auswertbare Fragebogen, hatte also eine mehr als 20mal so große Datenbasis. Überrascht hat uns, dass viele unserer Ergebnisse sich vollkommen mit den Ergebnissen dieser großen Studie decken. Was das bedeutet, wird im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse diskutiert.

Hier sollen nur die wichtigsten und aussagekräftigsten der statistischen Ergebnisse dargestellt werden. Überall, wo Vergleichszahlen aus der amerikanischen Studie vorlagen, sind diese in eckigen Klammern hinzugefügt.

1. Bildungsstand der Beschuldigten und der Beschuldiger

50% der Beschuldigten haben eine akademische Ausbildung (Hochschule/Fachhochschule), 34% haben ein mittleres Ausbildungsniveau (Fachschule, Techniker, Meister u. ähnlich). Zusammen sind das 84% in mittleren und gehobenen Berufen [in USA 87%]. Bei den beschuldigenden Personen fast die gleiche Verteilung: 80% Ausbildungen für mittlere und gehobene Berufe, die aber nicht in allen Fällen abgeschlossen waren oder ausgeübt werden [in USA 77%, aber mit abgeschlossener Ausbildung].

Dass die Verteilungen für Beschuldigte und Beschuldiger so ähnlich sind, beruht vermutlich zu großem Teil auf dem jeweiligen familiären Bildungsanspruch und ist nicht überraschend. Es gibt aber durchaus Einzelfälle, bei denen das Ausbildungniveau der Beschuldigten deutlich höher war, als das der Beschuldiger, und umgekehrt.

Diese Ausbildungsverteilung weicht drastisch vom Profil der Gesamtbevölkerung ab. Bei den Beschuldigten steht unserem Wert von 84% für mittlere und gehobene Berufe ein Durchschnittswert von 22,7% in der Gesamtbevölkerung der über 45jährigen gegenüber. Bei den Beschuldigern ist der Durchschnittswert in der Gesamtbevölkerung der 15-45jährigen 29,5%. Tatsächlicher sexueller Missbrauch verteilt sich aber ohne wesentliche Abweichungen auf die Gesamtbevölkerung. Wir vermuten, dass die von uns gefundene Bildungsverteilung vor allem der Neigung der beschuldigenden Personen, eine Psychotherapie aufzunehmen, entspricht. Diese hängt stark vom Bildungsniveau ab.

2. Familien- und Fallstruktur

Die Beschuldigten sind zu 89% die Väter, davon 76% leibliche Väter [USA 82%]. 82% der Beschuldigten sind verheiratet. Zu unserer Überraschung werden nur in ca. 29% der Fälle Scheidungen bzw. neue Partnerschaften angegeben.

Die Familien haben im Durchschnitt 2,8 Kinder, 89% davon leiblich, der Rest sind Stiefkinder. Auffällig ist, dass die erfassten Familien im Durchschnitt knapp doppelt soviele Töchter wie Söhne haben. Es muss offen bleiben, ob sich dieses Ergebnis allein aus der Tatsache erklären lässt, dass die Beschuldigenden zum weitaus größten Teil weiblich sind.

3. Wer sind die beschuldigenden Personen?

Die Beschuldigung geht in 78% der Fälle von einer Tochter oder Stieftochter aus [USA 88%], in 11% der Fälle von einem Sohn oder Stiefsohn aus. In den übrigen Fällen sind die Beschuldiger andere Verwandte (Nichten, Enkel, Geschwister) oder Freunde. Zu 86% sind die Beschuldiger weiblich [USA 93%]. Es sind Erwachsene jenseits der Pubertät (>15 Jahre) mit einem mittleren Alter von 31 Jahren zum Zeitpunkt der Beschuldigung [USA 32 Jahre]. Der Altersbereich zum Zeitpunkt der Beschuldigung reicht von 15 bis 49.

4. Familiensituation vor der Beschuldigung

In 58% der Fälle hatte die beschuldigende Person schon vor der Beschuldigung psychische Probleme und war längere Zeit in Psychotherapie [USA 48%]. In der 50% der Fälle wurden schon vor der Beschuldigung Schwierigkeiten in der Beziehung zu der beschuldigenden Person angegeben. Bei 43% waren die Familienverhältnisse schwierig (z. B. Ehescheidung der Eltern, gravierende Gesundheitsprobleme). In einem einzigen Fall wurde ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch oder eine Erinnerung daran vor Aufnahme einer Psychotherapie (oder einem vergleichbaren Einfluss) geäußert. Es handelt sich dabei um einern Fall mit Borderline-Symptomatik, bei dem ständig wechselnde, definitive Falschbeschuldigungen über längere Zeit geäußert wurden.

5. Grund und Art der Beschuldigung

Als Grund der Beschuldigung wird fast immer sexueller Missbrauch im Kindesalter angegeben. Was darunter zu verstehen ist, geht aus den Fragebögen nicht immer hervor. In 17% der Fälle ist der Missbrauch als wiederholt und langjährig angegeben. Bei 24% besteht der Vorwurf von Missbrauch im Alter der kindlichen Amnesie (im ersten bis dritten Lebensjahr), also in einem Alter, in dem eine Erinnerung von Haus aus dubios ist. Ein einziger Fall (1%) von rituellem Missbrauch wird berichtet. Bei 2% lautet der Vorwurf auf rein gedanklichen Missbrauch ohne physische Handlungen. In einem Fall wird kein Missbrauch sondern sexuelle Belästigung angegeben. In einem Drittel der Fälle wird mindestens eine weitere Person beschuldigt, meist die Frau des Beschuldigten, die als Mitwisserin oder Unterstützerin angesehen wird.

Die Beschuldigten vermuten zu 89%, dass der Beschuldigung falsche Erinnerungen zugrunde liegen [USA 92%], während bei 16% eine absichtliche Falschbeschuldigung angenommen oder für möglich gehalten wird (in einigen Fällen werden beide Möglichkeiten Betracht gezogen).

6. Umstände der Beschuldigung

Zum Zeitpunkt der Beschuldigung befanden sich mindestens 81% der Beschuldiger in Psychotherapie [USA 86%]. Die Beschuldigungen wurden überwiegend und zu etwa gleichen Teilen schriftlich oder durch Dritte, seltener persönlich oder telefonisch vorgebracht. In 25% der Fälle erfolgte eine Strafanzeige gegen den Beschuldigten, die in einigen Fällen die erste Äußerung der Beschuldigung überhaupt war. Soweit diese Verfahren bereits entschieden sind, wurden sie ausnahmslos durch Freispruch oder Einstellung des Verfahrens beendet.

Der Kontakt zum Beschuldigten wurde in 99% der Fälle [USA 98%] abgebrochen, meist bereits vor der Beschuldigung. In 12% der Fälle wurde der Kontakt später dauerhaft wieder aufgenommen, doch nur bei 3% wurde die Beschuldigung wieder zurückgenommen (davon 1 Fall infolge gerichtlicher Auflage). Die Zahlen von Wiederaufnahme und Widerruf sind in USA mit 36% und 8 % deutlich höher, was damit zusammenhängen kann, dass dort die Beschuldigung im Mittel schon länger zurücklag, vor allem aber, weil dort gerichtliche Verfahren gegen Therapeuten häufig erfolgreich sind, während in Deutschland kein solcher Fall bekannt ist.

7. Einflüsse, die zur Beschuldigung führten

Die Einflüsse, die zur Beschuldigung geführt haben, sind den Befragten nicht immer bekannt. Genannt wurden (Mehrfachnennung):

Psychotherapie durch approbierte Psychotherapeuten24%
Psychotherapie durch psychotherapeutische Heilpraktiker18%
Psychotherapie durch Therapeuten unbekannter Qualifikation40%
Psychotherapie durch psychotherapeutische Kliniken21%
Psychotherapie durch esoterische Gruppen und Heiler27%
Opferhilfsorganisationen (explizit genannt: Wildwasser, Zartbitter, Opferhilfe Niedersachsen)17%
Selbsthilfeliteratur21%
Einflüsse sind unbekannt6%

Bei der Literatur muss man mit hoher Dunkelziffer rechnen, weil Selbsthilfeliteratur meist von Therapeuten und Opferschutzorganisationen therapiebegleitend empfohlen wird.

8. Welche Methoden wurden in Therapien angewandt?

Auch hier sind die Kenntnisse der Befragten unvollständig. Genannt wurden (Mehrfachnennung):

Traumatherapie ohne genauere Angaben31%
Suggestion22%
autosuggestive Methoden (visuelle Vorstellung, Schreibübungen)18%
Hypnose18%
Gruppentherapie/Gruppendruck13%
sonstige Methoden (Körperarbeit, Rückführung, Gesprächstherapie, Familienaufstellung, Astrologie, esoterische Methoden)24%
Methoden sind unbekannt32%

9. Was haben die Beschuldigten unternommen?

Um die Belastung durch die Falschbeschuldigung zu ertragen haben 39% eine Psychotherapie aufgesucht, 18% suchten Hilfe beim Seelsorger. 24% suchten verschiedene Beratungsstellen auf und wurden in Einzelfällen kompetent beraten, doch speziell. bei Opferschutzorganisationen (explizit genannt wurden Wildwasser, Weißer Ring, Diakonie, Jugendämter, diverse lokale Organisationen) wurden die Beschuldigten wegen Unzuständigkeit, mangelnder Sachkenntnis, aufgrund einer Vorverurteilung oder ohne Begründung zurückgewiesen. Alle ließen sich, teils nach längerer Odyssee, von FMD bzw. Sichtwechsel (Schweiz) beraten.

31% haben sich juristisch beraten lassen, aber nur in fünf Fällen (5%) kam es zu Unterlassungsklagen, davon zwei erfolgreich. In einem Fall konnte ein eidesstattlicher Widerruf der Beschuldigung erreicht werden.

10. Sonstige Auffälligkeiten

Besonders auffällig ist die Berufswahl bei den beschuldigenden Personen. 28% davon sind in psycho- oder sozialtherapeutischen Berufen tätig oder stehen in Ausbildung dafür. Das ist ein weitaus höherer Anteil, als in der Gesamtbevölkerung, in der diese Berufe knapp 1% der berufstätigen Bevölkerung ausmachen. Das könnte daran liegen, dass diese Personen besonders häufig selbst psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen oder dass sie durch ihre Ausbildung mit traumatherapeutischen Konzepten in Berührung kommen, die beliebige Symptome auf sexuellen Missbrauch zurückführen. Es gibt jedoch auch Fälle mit umgekehrter Kausalität, bei denen erst nach Psychotherapie und Beschuldigung eine derartige Ausbildung aufgenommen wurde, weil der Wunsch bestand, diesen Bereich genauer zu verstehen.

Eine andere Auffälligkeit, die vor allem aus textlichen Erläuterungen hervorgeht, welche als Kommentare auf den Fragebogen oder unabhängig davon mit den Fragebogen geliefert wurden, sind Hinweise auf spezielle psychische Störungen bei den beschuldigenden Personen, die schon vor der Beschuldigung vorlagen. In 9 Fällen (10%) lagen diagnostizierte bzw. diagnostizierbare Störungen vor (Borderline-Störung, ADHS, Zwangsstörung), in einem Fall gibt es eine ausgeprägte Retardierung, in weiteren 17% gibt es Hinweise auf eine mögliche, aber nicht diagnostizierte Borderline-Störung (z. B. Bulimie, unkontrollierte Agressivität, unvermittelter Wechsel zwischen hoher Schätzung und radikaler Abwertung des
Beschuldigten etc. ).

11. Zeitliche Verteilung

Eine Besonderheit der Studie in den USA war die zeitliche Verteilung der Beschuldigung, die einen epidemischen Verlauf mit steilem Anstieg und steilem Abfall zeigte und zum Zeitpunkt der Studie bereits auf wenige Prozent ihres Maximalwertes zurückgegangen war, wie die folgende Grafik zeigt, die der Arbeit von McHugh entnommen wurde:

Statistik recovered-memory Fälle USA 1970-2000

Obwohl unsere weit geringeren Fallzahlen dazu keinen endgültigen Schluss zulassen, hat sich bei uns diese Verteilung nicht wiederholt. Im Gegenteil, die Häufigkeit der Beschuldigung ist in Deutschland bis in die jüngste Zeit weiter angestiegen (gelbe Säulen im folgenden Diagramm). Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass das Problem in Deutschland bereits im Abklingen ist. Deshalb liegt die Beschuldigung bei unserer Studie im Mittel nur 6,5 Jahre zurück gegenüber 11 Jahren bei der amerikanischen Studie.

False Memory - Statistik Deutschland - Stand Juli 2017

12. Bedeutung der ähnlichen Zahlen in USA und Deutschland

Die Ähnlichkeiten zwischen den Ergebnissen der Befragung in den USA und bei uns betreffen die gesamte Struktur des Problems der falschen Erinnerungen. Die Ähnlichkeit dieser Zahlen besagt demnach, dass wir hier in Deutschland immer noch unter dem gleichen Problem leiden, das dort um das Jahr 2000 herum schon weitgehend überwunden war.

Man darf allerdings die teilweise verblüffende Ähnlichkeit der Zahlen in Deutschland und in USA nicht überbewerten, weil die Prozentsätze aufgrund der endlichen Stichprobengröße mit einer merklichen statistischen Streuung versehen sind. Bei der amerikanischen Studie mit ihrer großen Stichprobe geht die zu erwartende Streuung der Prozentangaben kaum über 1% hinaus, während sie bei unserer Studie zwischen 3% und 5% liegt.