Was sind falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch und wie entstehen sie?

Was sind falsche Erinnerungen?

Erinnerungen sind falsch, wenn sie nicht auf tatsächlichen Erlebnissen beruhen. Wir alle haben viele falsche Erinnerungen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Sie entstehen auf Grund der Speichermechanismen im Gehirn.

Erinnerungsverfälschungen und falsche Erinnerungen im Leben sind erst in den letzten Jahrzehnten genauer erforscht worden. Heute wissen wir: Praktisch jede Erinnerung ist verfälscht. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß. Erlebte Inhalte, die uns von unseren Sinnesorganen vermittelt werden, werden genauso gespeichert wie erdachte oder von anderen mitgeteilte. Sie werden mit Interpretationen und weiteren Informationen verknüpft, und sei es nur die Information „das habe ich erlebt“ oder „das habe ich mir vorgestellt“. Nur darin liegt der Unterschied zwischen erlebten und vorgestellten Inhalten.

Dieser Prozess findet aber nicht nur einmal statt, sondern bei jedem Erinnern wieder neu. Jedes Mal können neue Informationen verknüpft werden und vorhandene können verlorengehen. So werden Erinnerungen verfälscht. Wenn wir sie häufig abrufen, können sie bis zur Unkenntlichkeit verändert werden. Das Gleiche geschieht auch mit Dingen, die wir nur gehört oder uns vorgestellt haben. Geht dort die Quellinformation „das habe ich gehört“ oder „das habe ich mir vorgestellt“ verloren, so betrachten wir sie als erlebt und eine völlig falsche Erinnerung ist entstanden.

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Wie entstehen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch?

Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit spielen eine besondere Rolle, weil es sie seit etwa zwanzig Jahren vermehrt gibt, und weil sie verheerende Folgen haben. Sie entstehen fast immer durch suggestive Beeinflussung. Das geschieht vor allem in Psychotherapien oder anderen lebensberatenden Maßnahmen.

Wieso kommt es ausgerechnet zu falschen Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit? Denn das ist etwas, was niemand in Zusammenhang mit seinem eigenen Leben bringen möchte. Wenn jemand eine einigermaßen glückliche Kindheit erlebt hat, erscheint dieser Gedanke besonders abwegig.

Aus diesem Grunde entstehen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch auch nur sehr selten im normalen Leben. Es ist jedoch eine Tatsache, dass sexueller Missbrauch in der Kindheit psychische Schwierigkeiten im Leben zur Folge haben kann – nicht muss. Der Umkehrschluss jedoch, dass psychische Schwierigkeiten häufig oder regelmäßig auf sexuellen Missbrauch zurückzuführen sind, ist wissenschaftlich völlig unbegründet.

Trotzdem wird dieser falsche Umkehrschluss von vielen Psychotherapeuten und anderen Lebenshelfern immer wieder vertreten. Auch glauben sie, nur die vollständige Erinnerung an diese vermutete Ursache könne eine Heilung bewirken.

So kommt es zu Psychotherapien und Behandlungen, bei denen versucht wird, eine nicht vorhandene Erinnerung an sexuellen Missbrauch in der Kindheit „wiederzubeleben“. Dazu dienen suggestive Methoden aller Art wie Hypnose, Aufforderungen, im Gedächtnis zu forschen oder sich einen erlebten Missbrauch vorzustellen. Der Patient wird ganz intensiv mit der Frage beschäftigt, wie ein sexueller Missbrauch in der Kindheit sich abgespielt haben könnte.

Vertraut der Patient seinem Therapeuten – und was bleibt ihm schon anderes übrig -, so folgt er diesen Suggestionen. Jeder Ansatz zu einer Missbrauchsvorstellung wird vom Therapeuten verstärkt und als eigenes Erlebnis gedeutet. Dann ist es nach dem, was wir oben zur Erinnerungsverfälschung gelernt haben, nur noch eine Frage der Zeit, dass die Information „das habe ich mir vorgestellt“ in den Hintergrund tritt und die Vorstellung zu einer Erinnerung umfunktioniert wird.

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Folgen von falschen Erinnerungen an sexuellen Missbrauch

Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zerstören Familien in oft irreparabler Weise und können den Betroffenen ein schweres Trauma zufügen.

Die schlimmen Folgen beginnen oft schon, bevor die falsche Erinnerungen überhaupt entstanden sind. Die Therapeuten pflegen den Patienten jeden Kontakt mit möglichen Schuldigen – und das sind meist die Väter – zu untersagen, um jede andersartige Beeinflussung des Patienten auszuschließen. Meist erfährt der Beschuldigte anfangs überhaupt nicht, was vor sich geht und hat keine Möglichkeit zur Intervention. Ist aber eine falsche Erinnerung an sexuellen Missbrauch erst entstanden und vom Patienten akzeptiert, so erweist sich dieser Kontaktabbruch nachträglich als scheinbar gerechtfertigt.

Dieser Kontaktabbruch, der leider oft endgültig ist, zerreißt eine Familie. Doch dabei bleibt es in vielen Fällen nicht. Häufig folgt eine Strafanzeige gegen den angeblich Schuldigen. Der muss sich jetzt vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigen. Das Gericht stützt sich nur auf die Zeugenaussage des Opferzeugen. Es steht Aussage gegen Aussage. Eine Verurteilung zu Unrecht ist nicht unwahrscheinlich, wenn der Beschuldigte sich nicht auf einen Anwalt stützen kann, der diese Art von Fällen kennt.

Doch auch für die Therapierten sind die Folgen schlimm. Sie leben nach Abschluss der Therapie mit dem Bewusstsein, durch Personen ihres Vertrauens schweres Unrecht erfahren zu haben. Oft sind sie für den Rest ihres Lebens Opfer einer schweren psychischen Störung, weil das vorgestellte und falsch erinnerte Trauma in seiner Wirkung sich nicht wesentlich von einem tatsächlich erlebten unterscheidet. Es gibt bei derartigen Missbrauchs-Erinnerungstherapien letztlich nur Verlierer.

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Entwicklung falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in den USA und Deutschland

Das Problem therapeutisch erzeugter falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch entstand als massenhafte Modeerscheinung in den USA zwischen 1985 und 2000. In Deutschland ist es erst 10 Jahre später angekommen und hatte einen anderen Verlauf.

Seit Mitte der 80er Jahre, zu Beginn ausschließlich in den USA, mit einiger Verzögerung aber auch in Europa und Australien, häuften und häufen sich die Fälle, bei denen erwachsene Personen, die wegen beliebiger Lebensprobleme eine Psychotherapie oder Selbsthilfegruppe aufgesucht haben, dort mit suggestiven Methoden dazu gebracht werden, sich an etwas zu erinnern, was sie vorher nicht wussten: Nämlich dass sie angeblich als Kinder sexuell missbraucht wurden. Beschuldigt werden meist die Väter. Diese weisen jede Schuld von sich, weil sie wissen, dass die in der Therapie erzeugte Erinnerung eine falsche Erinnerung ist. Anfang der 90er Jahre wurden in den USA angeblich über 40.000 Fälle gezählt. Deshalb entstand in der False Memory Syndrome Foundation eine Gegenbewegung der Beschuldigten. Wissenschaftler entlarvten die meisten dieser Fälle als Falschtherapien. Prozesse gegen die Therapeuten führten zu drastischen Schadenersatzzahlungen. Die Folge war ein rascher Rückgang der sogenannten memory recovery-Therapien, die eine Modeerscheinung mit quasi-epidemischem Verlauf gewesen waren.

Inzwischen war diese Mode von den USA in andere Länder übergegangen und begann in Deutschland um die Mitte der 90er Jahre. Sie hatte bei uns niemals diesen steilen Verlauf. Sie wird aber durch den an sich begrüßenswerten Kampf gegen sexuellen Missbrauch gefördert, weil dieser häufig mit ideologischen Scheuklappen in fast hysterischer Weise geführt wird. Nur weil es leider sehr viel wirklichen Kindesmissbrauch gibt, konnte sich überhaupt eine psychotherapeutische Arbeitsrichtung entwickeln, die ideologisch fixiert versucht, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch hervorzurufen.

Folgt man in Deutschland der öffentlichen Diskussion zu falschen Erinnerungen, so wird von feministisch-ideologischen Gruppierungen immer wieder behauptet, es handele sich um einen Trick von Kinderschändern, ihrer Verfolgung zu entkommen. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Hier soll ausdrücklich betont werden: Die Arbeit von False Memory Deutschland e. V. dient nicht dazu, Kindesmissbrauch zu verharmlosen oder den wirklichen Tätern eine Brücke zum Entkommen zu bieten. Vielmehr geht es darum, zwischen berechtigten Beschuldigungen und Falschbeschuldigungen zu unterscheiden, und denjenigen, die durch falsche Beschuldigung oder falsche Therapie in Not geraten sind, Hilfe und Unterstützung zu geben.

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