Die Tragik falscher Erkenntnisse

Im Herbst 2011 nahm unser bisher recht harmonisches Leben eine dramatische Wendung. Mein Stiefsohn Manuel rief an.

„Ich wollte Dich unbedingt mal was fragen, du weißt sicher, was jetzt kommt.“
„Nein, ich habe keine Ahnung.“
„Ich wollte wissen, warum du mich früher als Kind sexuell missbraucht hast.“

Mir fiel der Telefonhörer fast aus der Hand, ich wollte wissen, wie Manuel darauf kommt. Ich hätte mich nackt zu ihm ins Bett gelegt und Schlimmeres. Auch unser jüngerer Sohn Jürgen habe das ertragen müssen. Ich forderte ihn auf, genau zu sagen, was geschehen sei. Seine sehr bestimmt vorgetragene Antwort:

„Das weißt Du selbst ganz genau.“

Jürgen hatte alles mitgehört. Mit Tränen in den Augen umarmte er mich – eigentlich eine Seltenheit: „Papa, ich glaube dir, ich weiß nicht, was das soll und was er da sagt.“

So schildert Peter G. das schlimmste Erlebnis seines Lebens. Wenn er darüber spricht, hört er immer noch den Klang von Manuels Stimme am Telefon.

Peter, 40 Jahre alt, hatte seine zwei Jahre jüngere Frau Michaela 20 Jahre vorher kennengelernt. Sie bringt Manuel als uneheliches Kleinkind mit in die Ehe. Der ist für Peter von Anfang an wie ein eigener Sohn. Sein leiblicher Vater verweigert den Unterhalt und hat niemals Kontakt zu seinem Sohn. Deshalb adoptiert Peter Manuel und der Name wird geändert. In seinem ersten Lebensjahr lebt Manuel meist bei Michaelas Eltern, weil Peter berufstätig ist und Michaela ihre Ausbildung beenden muss.

Fünf Jahre nach Manuel wird der gemeinsame Sohn Jürgen geboren. Eine absolut gleichwertige Behandlung beider Kinder ist beiden Eltern sehr wichtig. So erhalten beide gleiche Chancen und gleiche Zuwendung. Manuels sexuelle Aufklärung übernimmt Michaela in relativ frühem Alter. Seine sehr harmonische, lockere und witzige Beziehung zu seiner Mutter und ihre charakterliche Ähnlichkeit erleichtern das.

Manuels schulische Entwicklung verläuft mit dem üblichen Auf und Ab, aber ohne größere Probleme. Er ist selbstbewusst, wird geachtet und will auch selbst geachtet sein. Er engagiert sich ehrenamtlich in Kirche, Schule und Vereinen. Bis auf einen leichten Hang zur Theatralik und Exzentrik gibt Manuel keinen Anlass zu Sorgen, im Gegensatz zu Jürgen, der sich eher langsam entwickelt. Über die Stufen Hauptschule, Realschule, Fachabitur kommt Manuel zum Studium der Sozialpädagogik. Seine Eltern sind stolz auf ihn.

Im Alter von 16 Jahren fallen Art und Charakter von Manuels Selbstdarstellung auf. Sollte Manuel homosexuell sein? Das bestätigt sich bald. Das Ehepaar G. muss sich auf viele Neuerungen und Änderungen einstellen. Manuel „outet“ sich mit einer gewissen Freude an seiner Sonderrolle, und das wird in der weiteren Familie und im Bekanntenkreis auch recht gut aufgenommen. In der Schule allerdings kann er nicht überall die gleiche Akzeptanz erreichen, er wird zum Sonderling zwischen Star und Schwuchtel. Mit 17 hat er seinen ersten festen Freund, der deutlich älter ist. Michaela und Peter sind darüber nicht unbedingt glücklich, aber sie lassen Manuel seinen Weg. Es folgen einige Beziehungen von kürzerer Dauer, bis er seinen jetzigen Lebensgefährten trifft, der auch bei seinen Eltern gern gesehen wird.

Beim Beginn des Studiums ist er mit 18 Jahren relativ jung, doch er kommt gut zurecht. Er macht ein psychiatrisches Praktikum, das ihm viele positive und negative Erfahrungen vermittelt. Und er nimmt eine Psychotherapie auf. Den Eltern ist nicht klar, warum und wieso. Für Manuel ist das nicht erklärungsbedürftig. Sein Kommentar ist, das habe nichts mit den Eltern zu tun und da gingen eben viele Studenten hin. Aber er spricht darüber kaum. Der Kontakt nach Hause nimmt deutlich ab. Die Eltern sehen ihn immer weniger, und wenn er kommt, ist er selten allein. Doch der Prozess des Abnabelns vom Elternhaus ist im Grunde etwas ganz Normales, daher fasst niemand Verdacht.

Nichts kündigt die Katastrophe an, bis wenige Wochen nach seinem letzten Besuch sein schlimmer Anruf kommt. Peter ist fassungs- und ratlos, er weiß nicht, was er sagen soll. Bevor etwas eskaliert, beendet er das Gespräch. Er ruft Michaela an der Arbeitsstelle an. Die lässt sich sofort freigeben und kommt. Sie ruft ihrerseits bei Manuel an und beendet den Anruf in Wut und Verzweiflung. Versuche, per Telefon und per Mail bei ihm und bei seiner Therapeutin eine Klärung herbeizuführen, enden ohne Ergebnis. Niemand will die Eltern hören.

Michaela und Peter suchen die örtliche psychologische Beratungsstelle auf. Beide gehen in eine Psychotherapie. Michaela trifft auf wenig Verständnis: Man vermittelt ihr das Gefühl, sie sei eine dumme Frau, die nicht wahrhaben will, was passiert ist. Peter hat mehr Glück, die Therapie hilft ihm, die Situation einigermaßen durchzustehen. Doch wenigstens sind Michaela und Peter sich einig, einig in der Hoffnung, aber auch in der Verzweiflung.

Auch Jürgen, gerade in seiner Pubertät, hat schwer daran zu tragen und wird obendrein in der Schule noch wegen der sexuellen Neigung seines Bruders gehänselt.

Zwei Monate nach dem schlimmen Telefonat findet ein Treffen von Michaela und ihrer Familientherapeutin mit Manuel bei einem Mitarbeiter und in den Räumen der Opferhilforganisation ZARTBITTER statt. Peter ist dort nicht erwünscht. Michaela ist danach enttäuscht und wütend, denn das Gespräch wird nach straffem Muster abgewickelt ohne dass sie sich überhaupt Gehör verschaffen kann.

Michaela und Peter sind überfordert, Manuel gibt sich als „Fachmann“. Er bricht alle Kontakte zu seiner näheren und ferneren Familie ab, doch er scheint darunter nicht wirklich zu leiden. Während er seine Familie zerstört, sieht Michaela wütend, wie er auf Facebook glücklich in alle Linsen lächelt.

Ein halbes Jahr nach der Katastrophe stoßen Michaela und Peter auf den Arbeitskreis induzierte Erinnerungen. Sie finden erstmalig wirklich kundige Beratung. Dort und später bei False Memory Deutschland (FMD) nehmen sie an Seminaren für von falschen Erinnerungen Betroffene teil. Sie sehen, dass sie in ihrer Situation nicht allein sind, und sie lernen ähnliche Fälle kennen. Zwar ist Ihre Situation insofern besonders, weil es um ihren homosexuellen Sohn geht, während in den anderen Fällen es Töchter sind, die die Beschuldigung erheben, aber im Kern gleichen sich die Fälle. Es sind Kinder aus geordneten Familien, die erst im Erwachsenenalter und im Rahmen einer Psychotherapie sich an diese angeblichen Kindheitserlebnisse „erinnert“ haben. Und neben Fällen aus jüngerer Zeit sind auch solche, die selbst nach zwanzig Jahren genauso unlösbar sind, wie am Anfang. Die Beschuldigten haben gelernt, damit zu leben.

Langsam trauen sich Michaela und Peter, über ihre Situation mit Freunden und Bekannten zu sprechen. Sie sind vorsichtig dabei. In den falschen Händen kann dieses Wissen Unheil anrichten. Im Grunde ist es ihnen nicht wichtig, was ihre Freunde dazu denken. Jeder muss sich selbst seine Meinung bilden, aber sie wollen nicht ständig mit einem Geheimnis leben und sich nicht mehr zu Notlügen zwingen lassen, nur um dieses Geheimnis zu verdecken.

Sie fragen sich, ob sie vielleicht selbst irgend etwas an diesem furchbaren Schicksal verschuldet haben. Aber in welcher Weise? Vielleicht hat Manuel wirklich etwas sehr Schweres erlitten, von dem sie keine Kenntnis haben? Vielleicht ordnet er es jetzt nur einem falschen Täter zu? Kann man das Ganze wieder rückgängig machen? Wie sollen sie damit leben? Bringt der Rat ihres Psychologen, den Sohn zu vergessen und zu versuchen, zu leben und das Leben zu genießen, nicht erneute Schuld mit sich? Fragen über Fragen, und niemand kann sie ihnen beantworten.

Abschließend noch ein eindrucksvolles Zeugnis väterlicher Liebe, Peter G. im Originalton:

„Ich werde meinem Sohn nicht die Tür zuschlagen, auch wenn diese Anschuldigung mein Leben vernichten kann. Ich werde ihn immer als meinen Sohn sehen, seine Meinungen akzeptieren und ihn lieben. Doch ein tiefer Schnitt in meinem Herzen wird bleiben.“

Ein AlbtraumZu Unrecht beschuldigt

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