Ohne unsere Tochter

Seit zehn Jahren leben wir nun ohne unsere Tochter. Zehn Jahre Trauer, Wut, Verzweiflung. Nichts ist mehr so wie es einmal war – für uns als Eltern, als Geschwister, als Großeltern, Verwandte und Freunde. Wir waren eine ganz normale Familie: Vater (45 Jahre), Mutter(41 Jahre), zwei Töchter (20 und 18 Jahre) und ein Sohn (14 Jahre). Es war uns immer sehr wichtig gewesen, wirklich „Familie“ zu leben – jedes unserer Kinder in seinen jeweiligen Gaben zu fördern und – soweit es in unserer Macht stand – ihnen zu einem selbständigen, erfüllten Leben zu verhelfen. Wir wollten – wie wahrscheinlich die meisten Eltern – dass sie sich unserer bedingungslosen Liebe immer sicher sein können. Als junge Mutter brach ich nach der Geburt unserer ältesten Tochter meine Berufsausbildung ab, weil es für mich undenkbar war, sie nicht zu stillen, sie morgens in aller Frühe abgeben zu müssen und nur in meiner Freizeit etwas von ihrer Entwicklung mit zu bekommen. Ich habe das nie bereut.

Der Kontakt wird abgebrochen

Und dann begann es: Vor zehn Jahren brach unsere damals 20-jährige Tochter aus heiterem Himmel den Kontakt zu uns ab – ohne Angabe von Gründen. Sie wohnte damals nicht mehr zu Hause, machte eine Ausbildung und lebte selbständig. Nun war sie einfach weg – verschwunden – untergetaucht. Unsere freundliche, geliebte und begabte Tochter … Das war völlig absurd. Wir waren fassungslos. Wir recherchierten und setzten alle uns möglichen Hebel in Bewegung. Endlich wurde uns mitgeteilt – von einer Freundin, Beraterin (?) unserer Tochter, dass sie uns nicht sehen wolle, dass sie sich vor uns (!) in Sicherheit bringen müsse und dass sie dringend eine Therapie machen wolle – dann könne man eventuell reden. Schon damals wurde der Vorwurf angedeutet, wir hätten unsere Tochter sexuell missbraucht.

Anfangs wähnten wir uns in einem schrecklichen Alptraum. Wie war so etwas möglich? Was war hier geschehen? Unsere Tochter war lebendig, fröhlich, kreativ, begabt, beliebt, erfolgreich. Außer Rückenproblemen und gelegentlichen Migräneattacken gab es keine Auffälligkeiten – was sollte dies nun? Dann wurde uns zur Gewissheit, dass dies KEIN Alptraum war, sondern grausame Realität, die uns Tag und Nacht quälte. Unablässig durchkämmten wir die Kindheit und Jugendzeit unserer Tochter, immer wieder – vor und zurück – auf der Suche nach einer begreifbaren Ursache. Unser Leben war total auf den Kopf gestellt. Wie sollten wir uns bei Familientreffen oder Treffen mit Freunden verhalten, wenn unsere Tochter auf einmal nicht mehr dabei war. Wie sollten wir das erklären? Kein Mensch verstand ja, was hier passierte. Eine zentnerschwere Last legte uns regelrecht lahm.

Immer wieder fragten wir uns: Wo ist sie? Wie geht es ihr? Wovon lebt sie? Wann ist dieser Schrecken endlich vorbei? Schließlich erfuhren wir, dass sie sich in einem Frauenhaus aufhielt. Warum um alles in der Welt war unsere Tochter in einem Frauenhaus?! Wir erhielten einen Brief von der Kindergeldkasse, in dem stand, dass unsere Tochter den Antrag auf direkte Auszahlung des Kindergeldes gestellt habe und warum wir sie nicht unterstützten.

Die Psychotherapie

Monate später erfuhren wir dann, dass sie eine stationäre Therapie in einer psychotherapeutischen Klinik machte. Wir hielten uns an der Hoffnung fest, dass wir nach dieser Therapie miteinander reden könnten. Mittlerweile hatten wir beschlossen, wenn jemand nach unserer Tochter fragte, offen mit Angelegenheit umzugehen. Hin und wieder wandten sich Menschen von uns ab mit der Bemerkung: “Wir wollen eben ganz neutral sein!“

Nachdem unsere Tochter 12 Wochen Therapie hinter sich hatte, kam ein Brief von ihr. Voller Hoffnung öffneten wir ihn, um gleich wieder erschüttert zu lesen, dass es nun definitiv KEINEN Kontakt mehr geben würde mit ihr, dass sie ganz ohne uns leben wolle und dass ihr dies die Ärzte und Therapeuten dringend empfohlen hätten. Des weiteren würde es ja auch noch Geld geben, das ihr zustehe und wir sollten ihr dies zukommen lassen. Uns blieb die Luft weg angesichts dieser Lieblosigkeit, dieser Kälte und Härte. Das war nicht unsere Tochter! Was war mit ihr geschehen? Unsere Tochter war ein freundlicher, hilfsbereiter und liebevoller Mensch – wer oder was hatte sie so schrecklich verändert? Monatelang hörten wir nichts von ihr, wussten nicht, wo sie war. Alle Nachforschungen nach Adresse, Telelefonnummer usw. waren erfolglos – sie hatte alles sperren lassen.

Eines Tages kam ein Brief von ihr, in dem sie uns schrieb, dass sie als Kind bei uns nicht einen einzigen schönen Tag erlebt habe und dass ihre Kindheit und Jugendzeit ausschließlich von Missbrauch, Gewalt und Brutalität geprägt gewesen sei. Sie habe dies bearbeitet und wolle mit uns darüber reden – auf neutralem Boden, in Gegenwart einer neutralen Person. Wie konnte sie so etwas behaupten?

Dieses Gespräch war dann ein schrecklicher Höhepunkt des ganzen Prozesses. Unsere Tochter hatte ihre Therapeutin mitgebracht, eine Wildwasser-Mitarbeiterin, bei der sie – wie wir erfuhren – seit Jahren in Therapie war. Unsere Tochter war wie versteinert, konnte uns nicht anschauen, redete leise mit brüchiger Stimme. Die Therapeutin hielt sie die ganze Zeit über an der Hand und fragte immer wieder: „Geht es noch?“

Nachdem man uns instruiert hatte, unsere Tochter nicht zu unterbrechen, las diese eine lange Anklageschrift vor, in der sie uns zur Last legte, wir hätten sie vergewaltigt, geschlagen, sadistisch gequält, ihr entweder Essen verweigert oder sie zum Essen gezwungen. Es war eine völlig absurde Situation: Da saßen wir auf der Anklagebank vor unserer geliebten Tochter und ihrer Therapeutin, die uns unmissverständlich spüren ließ, was sie von uns hielt und was für schreckliche, brutale Eltern wir seien. Sie hatte ihr Urteil längst gefällt…! Sie sagte, wir könnten froh sein, dass unsere Tochter diese grausame Vergangenheit noch so gut überlebt habe.

Unsere Ohnmacht wurde uns überdeutlich bewusst. Ganz gleich, was wir tun oder sagen, es wird gegen uns verwendet! Es gibt keine Möglichkeit für uns, irgend etwas an der Situation zu verändern, unsere Tochter ist für uns völlig unerreichbar. Es ist, als hätte eine unheimliche Macht sich ihrer bemächtigt und alles ausgelöscht, was jemals da war zwischen Tochter und Eltern. Diese totale Ablehnung und Lieblosigkeit passt überhaupt nicht zu unserer Tochter – es ist einfach unfassbar!

Ebenso verzweifelt und dramatisch muss die ganze Situation aber auch für unsere Tochter selbst sein: Sie hat ihre ganze Familie, ihre ganze Kindheit, ihre ganze Vergangenheit – ihre Identität – verloren. Sie muss sich regelrecht neu erfinden, ihre Lebensgeschichte umschreiben! So kann niemand leben – und genau das hatten wir mittlerweile auch erfahren: Sie bekam ihr Leben nicht in den Griff, war immer wieder arbeitsunfähig, depressiv, suizidgefährdet usw. Sie war regelrecht „krank therapiert“ worden .

Eines Tages nahm unsere Tochter dann plötzlich Kontakt zu den Großeltern und zu ihrer jüngeren Schwester auf. Sie trafen sich sogar und telefonierten miteinander. Doch so schnell wie er entstanden war, war der Kontakt auch wieder vorbei.

Immer wieder forschte ich im Internet nach Informationen, Literatur und Hilfen zu diesem Thema. Zuerst konnte ich nur englischsprachige Seiten finden und verschlang alles, was es da an Berichten und Artikeln gab. Endlich entdeckte ich etwas später die Seite von „Schulterschluss“ und nahm umgehend Kontakt auf. Das war für uns eine neue Etappe in der Bewältigung dieses Alptraums. Wir machten die Erfahrung, dass es andere Familien gibt, die Ähnliches erleben, und Menschen, die uns verstehen, die wissen, wovon wir reden, die uns glauben und sich einfühlen können in unseren Schmerz. Das war eine unschätzbare Hilfe und Entlastung für uns. Dafür sind wir sehr dankbar!

Wir werden verklagt

Anfang 2008 erreichte uns dann der nächste Schock: Unsere Tochter hatte uns angezeigt. Mein Mann und ich wurden wegen schweren sexuellen Missbrauchs verklagt. Die nächste Stufe des Horrors war erreicht! Von der Polizei wurden Ermittlungen durchgeführt, Geschwister und Verwandte als Zeugen vernommen. Dank des Arbeitskreises „Induzierte Erinnerungen“ fanden wir einen kompetenten, sehr hilfreichen Anwalt. Eine weitere, zutiefst aufwühlende Erfahrung war das Lesen der Ermittlungsakte, aus der deutlich zu erkennen ist, wie sich alles aufbaute, wie von Therapie zu Therapie immer neue Dinge hinzukamen. Wir fanden die schweren Anschuldigungen bis ins Detail beschrieben – von unserer Tochter. Entsetzt und schockiert lasen wir ihre Aussagen, die von ihren Therapeuten als real und glaubhaft eingestuft wurden. Für die Therapeuten ist alles tatsächlich so geschehen und wir – die Eltern – haben dies unserer Tochter zugefügt.

Während der stationären Therapie (so lasen wir in der Akte), äußerte unsere Tochter mehrere Male Zweifel an der Situation und war sich nicht sicher, ob das alles wirklich so stattgefunden habe. Die Therapeutin hatte diese Bedenken sofort zerstreut und ihr erklärt, sie müsse einfach akzeptieren, dass sich alles genauso zugetragen habe, alles andere sei nur Verdrängung und sie sei eben schwerst traumatisiert.

Unsere Tochter sagte bei der Polizei aus, wir hätten sie in ihrer Wohnung aufgesucht und ihr mit einem erhitzten Löffel Brandwunden am Hals zugefügt. (Bilder dieser Brandwunden am Hals lagen der Polizei vor, wie wir der Akte entnehmen konnten.) Wir konnten eindeutig nachweisen, dass wir zu dem von ihr genannten Termin mit Besuchern bei uns zu Hause waren, und wir wussten damals auch gar nicht, wo sie wohnte. So konnte diese Beschuldigung zurückgewiesen werden.

Auch andere Aussagen konnten durch unseren Anwalt eindeutig widerlegt werden. Sie hatte z. B. auch zu Protokoll gegeben, sie sei mit 15 Jahren schwanger gewesen. Ihr Vater hätte sie in eine Abtreibungsklinik gebracht und dort sei die Schwangerschaft abgebrochen worden. Während des ganzen Verlaufes hat unsere Tochter jede gynäkologische Untersuchung verweigert, was ihr immer auch zugestanden wurde, da sie ja so schwer traumatisiert war! Nach ihrer Aussage haben noch drei andere Männer sie vergewaltigt, ein Lehrer, der Bruder einer Freundin und ein Physiotherapeut. In der Akte war zu lesen, diese drei Vergewaltigungen seien erfolgreich therapiert worden, die vom Vater allerdings wirkten noch extrem traumatisierend!

Schließlich wurde ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten angefordert. Die Gutachterin befragte unsere Tochter einen Tag lang. In ihrem Gutachten stellt sie fest, dass unsere Tochter, nachdem sie bereits in der Vergangenheit in einigen Punkten nachweislich nicht die Wahrheit gesagt hatte, auch bei dieser Befragung nicht gerade den Eindruck gemacht habe, der Wahrheit verpflichtet zu sein, wenn es ihrem Interesse widersprach. Bei ihrem Eifer, ihre Eltern zu belasten, seien bewusste Falschaussagen nicht auszuschließen. Sie sei auch nicht psychisch krank, allenfalls liege eine psychische Störung vor. Daraufhin wurde das Verfahren eingestellt.

Wie lebt unsere Tochter heute?

Wie kann unsere Tochter jemals wieder zurückfinden? Denn das hat sie bis heute leider nicht. Vor drei Wochen wurde sie 30 Jahre alt. In regelmäßigen Abständen recherchiere ich im Internet nach ihr und finde so manche wertvolle Information (sogar Bilder!) von ihr, z.B. wo sie sich engagiert, wo sie Aufgaben übernommen hat. Sie scheint stabiler zu sein und ihr Leben nun besser im Griff zu haben. Wie man den spärlichen Informationen entnehmen kann, geht es ihr zumindest äußerlich einigermaßen gut. Vor ca. 3 Jahren haben wir durch eine Anfrage einer noch auf sie laufenden Versicherung erfahren, dass sie nicht mehr unseren Namen trägt und wohl auch nicht verheiratet ist. Sie hat eine Namensänderung vornehmen lassen. Auch das ist ein schmerzhaftes Gefühl, dieses vollkommene Ausradieren ihrer Herkunft!

Unsere beiden anderen Kinder haben inzwischen geheiratet und ihrer Schwester Heiratsanzeigen zukommen lassen – ohne jede Reaktion. Im letzten Jahr starb der Großvater, zu dem sie eine gute, liebevolle Beziehung hatte. Auch diese Nachricht und den Beerdigungstermin ließen wir ihr über verschiedene Quellen zukommen – wieder keine Reaktion!

Uns hilft unser Vertrauen auf GOTT

Nun möchte ich noch einige Sätze dazu sagen, was dieses Geschehen in den vergangenen 10 Jahren mit uns gemacht hat: Ich schicke voraus, dass wir als bewusste Christen leben, d. h. GOTT ist für uns ein personales Gegenüber, mit dem wir reden, der etwas mit unserem ganz persönlichen Leben zu tun hat. Die beschriebene anfängliche Wut und Verzweiflung haben wir immer wieder IHM entgegen geschrien. Ich kann für mich sagen, dass dies sehr entlastend für mich war und ich mit der Zeit nach und nach immer mehr zur Ruhe kam. Auch im Gespräch mit guten Freunden wurde mir deutlich: Unsere Tochter hat diesen Weg für sich gewählt, wir sind Eltern, die sie von Anfang an geliebt haben, die sicher auch – wie alle Eltern – Fehler gemacht haben. Aus welchen Gründen auch immer – sie hat sich so entschieden. Durch die Beziehung mit Gott kann ich unsere Tochter immer wieder abgeben und IHM ans Herz legen – wir sind gewiss, dass ER sie im Blick hat und um alles weiß. Deshalb ist das Vertrauen in GOTT, den Vater, in den letzten zehn Jahren gewachsen. Trotz allem Schmerz vermittelt es uns einen tiefen Frieden und großen Trost. Ich bin sicher: hätten wir diesen Anker nicht, hätten wir längst Schiffbruch erlitten.

Das mag sich möglicherweise für Sie seltsam anhören, aber da es uns aufrecht erhält, möchte ich es einfach so auch weitergeben! Wir sind als Familie beschädigt, aber nicht zerstört. Hinter unverständlichen Schicksalsschlägen steht möglicherweise etwas – ein Sinn, von dem wir jetzt keine Ahnung haben. Aber das ist wohl das Lebensmaterial, mit dem wir als Familie in diesem Leben umgehen müssen – das wir zu bewältigen haben. Einige mögen sagen: Okay, das haben Sie sich eben so aus lauter Verzweiflung zurechtgezimmert, um die Situation zu ertragen. Aber ich kann Ihnen versichern, ein solches konstruiertes Kartenhaus wäre längst zusammengebrochen – es lohnt sich, in GOTT zu investieren und den ganzen schweren Ballast an IHN abzugeben, weil ER sich uns voller Liebe und Fürsorge zuwendet.

Noch einmal heil davon gekommen

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