Leben mit „Erinnerungen“ aus einer Terror-Psychotherapie

Der folgende Bericht stammt von einer Frau, die sich von False Memory Deutschland beraten ließ. Sie hat den Horror einer Trauma-Erinnerungstherapie erlebt und sich davon wieder lösen können. 18 Monate später hat sie uns diesen Bericht für unsere Website zur Verfügung gestellt.

Können falsche Erinnerungen gelöscht werden?

Im folgenden Text geht es um vermeintliche Erinnerungen an Ereignisse, die nie real stattgefunden hatten. Obwohl es keine echten Erinnerungen sind, benutze ich dennoch dieses Wort „Erinnerung“, weil es die ganze Zeit, in denen die „therapeutischen“ Sitzungen stattgefunden hatten, um das Hervorholen von angeblichen Erinnerungen gegangen war.

Erinnerungen sind Gedanken an Erlebnisse in der Vergangenheit, die tatsächlich und real erlebt worden sind. Hier jedoch geht es um nicht statt gefundene Ereignisse, die sich als Vorstellungen im Gehirn als scheinbare Erinnerungen geformt hatten, obwohl sie niemals wirklich gewesen waren.

Damals

Nachdem ich erkannt hatte und in mir völlig sicher gewesen war, dass die Erinnerungen an angeblichen sexuellen (und rituellen) Missbrauch, die mir von einer Therapeutin über mehrere Monate lang eingepflanzt worden waren, falsch sind, habe ich mich immer wieder gefragt: Ist es möglich, diese Erinnerungen zu löschen? Was mache ich mit diesem ganzen Gedanken-Ballast, der in meinem Kopf entstanden ist, mit diesem Gedanken-Müll, entstanden in einer Gedanken-Hölle, in die ich mich von der Therapeutin hatte schicken lassen?

Alle Erinnerungen waren erst hoch gekommen in diesem speziellen Zeitfenster. Ich hatte in meinem ganzen Leben vorher keine einzige reale Erinnerung an sexuellen und rituellen Missbrauch gehabt. Es hatte keinen einzigen Gedanken an Missbrauchs- oder Gewalt-Situationen gegeben, die Erinnerungen waren erst in den speziellen „therapeutischen“ Sitzungen erzeugt worden.

Anfangs, nachdem ich die „Therapie“, die fast ausschließlich in Gruppensitzungen stattfand, abgebrochen hatte, war ich weiter überflutet worden von all diesen schlimmen Bildern von horrorartigen Szenen. Ich hatte nachts Albträume gehabt, war wach geworden, hatte nicht durchatmen können. Mit der Zeit waren die Bilder blasser geworden. Ich war ruhiger geworden und hatte wieder durchschlafen können.

Schon relativ früh während der „Therapie“ hatte ein Teil in mir gewusst, dass die Erinnerungen nicht stimmen. Es war, als wären zwei Bewusstseinsspuren nebeneinander gelaufen – eine Spur, die gewusst hatte, es ist nicht wahr, und die andere Spur, auf der ich dem Erwartungsdruck der Therapeutin nachgegeben hatte und es immer wieder zu neuen falschen Erinnerungen gekommen war. Im Nachhinein kommt es mir vor, als wäre ich die Produzentin für das Drehbuch der Therapeutin gewesen.

Meine immer wieder geäußerten Zweifel an der Richtigkeit meiner Erinnerungen waren von der Therapeutin übergangen und nicht ernst genommen worden und mir als Solidarität und Mittäterschaft mit den Tätern (ich hatte mehrere Täter „erinnert“) vorgeworfen worden. Immer wieder war ich unter Druck gesetzt worden, weiter zu „erinnern“: „Es geht Dir besser, wenn Du alles an die Oberfläche holst, erst dann sind alle Deine Ängste verschwunden.“

Es war der Teil in mir gewesen, der sich selbst und seinem eigenen inneren Wissen nicht vertraut hatte, der gefangen gewesen war, der Angst gehabt hatte, der keine Grenzen hatte setzen können,der gehorcht hatte, der nicht bei sich selbst und der in der Ohnmacht gewesen war.

Heute

Heute kommen Szenenbilder an die falschen Erinnerungen sporadisch noch hoch, aber sie belasten mich nicht mehr in der Tiefe. Ich akzeptiere es, wenn diese Bilder hochkommen, und lasse die Szenen noch einmal, so wie sie aufscheinen, an mir vorbeilaufen. Es ist, wie wenn ich mich erinnere an Krimis oder Horrorfilme, die ich einmal angesehen habe, wie wenn ich mich erinnere an einzelne Szenen von Filmen, die einmal im Fernsehen oder Kino gelaufen sind.

Ich habe auch schon den Kopf geschüttelt und gedacht, wow, was war das denn? Was war das denn für ein schlechter Film, was für ein unglaublich schlechtes Drehbuch, was für schlechte Schauspieler, was für ein schlechtes Ambiente?! Wie kann sich ein menschliches Gehirn solche Dinge ausdenken? Ja, das kann es, wenn wie in meinem Fall das spezielle „therapeutische“ Setting dafür gegeben ist.

Manchmal hilft es mir, über die falschen Bilder zu sprechen, kurz und in winzig kleinen Dosen, wenn sich die Gelegenheit mit den richtigen Menschen dazu ergibt.

Und genauso gut kann ich es auch lassen.
Ich entscheide, dass ich den Film abschalte.
Mitten drin, weil er mir nicht gefällt.
Ich habe das Recht abzuschalten.
Ich muss diesen Film nicht mehr anschauen.
Er ist Vergangenheit, die es nicht mehr gibt, wenn ich mich dafür entscheide.

Ich denke, dass falsche Erinnerungen nicht „gelöscht“ werden können, aber ich selbst kann entscheiden, ob ich diesen Film noch einmal anschauen will oder nicht.

Oder: Ob ich die Gedanken gehen lassen will, ganz sanft, sie von außen beobachtend, im Wohlwollen für mich selbst.

Es braucht ganz viel Liebe zu mir selbst, um all das Geschehene als einen Teil meines vergangenen Lebens zu integrieren und in eine gute selbstbestimmte Zukunft zu gehen.

Ein Albtraum

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