Aktuelles aus der Presse

The Intercept, 21.06.2017: Texas Couple Exonerated 25 Years After Being Convicted of Lurid Crimes That Never Happened

25 Jahre, nachdem sie wegen eines Verbrechens, das nie geschehen ist, zu jeweils 48 Jahren Haft verurteilt wurden, wurden Fran und Dan Keller offiziell am 20. Juni 2017 in Austin, Texas, entlastet. Die Verfolgung des Paares im Jahr 1992 war Teil einer Welle von Fällen im ganzen Land inmitten einer Episode von Massenhysterie, als Satanic Panic bekannt. Die Entlastung erfolgt auf Grund des Fehlens von glaubwürdigen Beweisen.
Vor 25 Jahren führte die kontextbezogene Deutung von Äußerungen einer 3jährigen zu intensiver Befragung durch die Mutter und einen Therapeuten, wodurch sich im Laufe der Zeit die Aussagen in Richtung Vergewaltigung und Orgien mit Kindern änderten und die Anschuldigungen immer greller und verwirrender wurden. Es wurden damals von Seiten der Justiz keine tatsächlichen Untersuchungen durchgeführt, die die Anschuldigungen beweisen oder widerlegen konnten. Erst nach 20 Jahren wurde anerkannt, dass das Paar keinen fairen Prozess erhalten hatte und dass das Verbrechen, dessen sie beschuldigt wurden, niemals geschehen war.
https://theintercept.com/2017/06/20/texas-couple-exonerated-25-years-after-being-convicted-of-lurid-crimes-that-never-happened/

Hier noch weitere Hintergründe zu dem Fall: https://theintercept.com/2016/04/08/convicted-of-a-crime-that-never-happened-why-wont-texas-exonerate-fran-and-dan-keller/

GEOkompakt Nr. 50 Wer bin ich?, Empfehlenswerte Lektüre: Das trügerische Gedächtnis

Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern, wie unzuverlässig unser Gedächtnis ist. Seit dem erfolgreichen Buch von Julia Shaw, Das trügerische Gedächtnis, überschlagen sich die Medien mit Berichten über dieses Thema. Viele davon sind in erster Linie sensationsgetrieben. Doch der umfangreiche Aufsatz von Ute Kehse in GEOkompakt Nr. 50 mit dem gleichen Titel wie das Buch von Shaw ist sehr ernst zu nehmen. Auf seinen zehn Seiten kann man die wichtigsten Grundlagen der Gedächtnispsychologie finden. Und im Gegensatz zu den meisten derartigen Artikeln hat Frau Kehse keine Berührungsängste mit dem Thema der therapeutisch erzeugten falschen Erinnerungen an sexuellen Missbrauch. Sie widmet dem Thema zwar nur wenige Absätze, aber was sie schreibt, ist sachlich korrekt bis auf die Tatsache, dass sie dies als ein Problem der 90er Jahre ansieht. Nur weil das leider nicht so ist, gibt es den Verein False Memory Deutschland e. V.

Chip, Internetausgabe, 30.11.2016:
Gruselig: Forscher pflanzen Gehirn falsche Erinnerungen ein

Nur die Tatsache ist interessant: Sogar die Computer-Zeitschrift Chip bringt einen Kurzbeitrag über falsche Erinnerungen. Der Beitrag als solcher bringt nichts Neues.

The Daily Mail London, 27.11.2016, redaktioneller Beitrag: Sir Edward Heath accuser is a ’satanic sex fantasist‘

Die Online-Ausgabe der britischen Zeitung The Daily Mail bringt einen Bericht über einen spektakulären Fall angeblichen rituellen Missbrauchs in England, in dem seit 2015 eine Anzahl führender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beschuldigt sind, darunter auch der frühere Pemierminister Sir Edward Heath. Im Laufe des Falles soll ein Junge auf dem Altar einer Kirche rituell ermordet worden sein. Die ermittelnde Polizei hat eine Spezialistin für kriminologische Untersuchungen in ihre Arbeit einbezogen, um die ihr vorliegenden „Beweise“ zu erhärten. Doch die Kriminologin, Frau Dr. Rachel Hoskins, kam zu einem unerwünschten Ergebnis: Die gesamte Beschuldigung mit angeblich einer großen Anzahl von Zeugen geht einzig und allein auf die Aussagen zweier Personen zurück, die ursprünglich keine Erinnerung die angeblichen Vorfälle hatten. Die Erinnerungen daran waren in Psychotherapien unter massiver suggestiver Beeinflussung und Hypnose entstanden. Beweise konnten nie erbracht werden. Die Kriminologin fordert die Ermittlungsbehörden auf, diese Fälle, die die Ehre vieler Unschuldiger in den Schmutz gezogen haben, sofort abzuschließen. Link zum Artikel: http://www.dailymail.co.uk/news/article-3974750/A-satanic-injustice-Police-warned-Edward-Heath-ritual-child-abuse-claims-fantasy-ploughing-700-000-probe.html

The Guardian, London, 17.11.2016, redaktioneller Beitrag: ‘We can’t let the bullies win‘: Elizabeth Loftus awarded 2016 John Maddox Prize

Die britische Zeitung The Guardian bringt die Meldung, dass der Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus der John Maddox Preis 2016 zuerkannt worden ist. Der John Maddox Preis ist eine spezielle Anerkennung für Personen, die im öffentlichen Interesse wissenschaftliche Forschungen verfolgen und Nachweise erbringen, und die dabei besonderen Schwierigkeiten und Anfeindungen ausgesetzt sind. Damit bezieht sich der Preis auf die Arbeit von Loftus in den 90er Jahren, als sie sich energisch für Personen eingesetzt hat, die auf Grund falscher Missbrauchserinnerungen zu Unrecht beschuldigt wurden. Sie musste sich dabei nicht nur gegen Fachkollegen durchsetzen, sondern auch gegen schwere öffentliche Widerstände, weil ihre Arbeit „politisch nicht erwünscht“ war. Wegen ihrer Gutachten vor Gericht, die Falschtherapien entlarvten, erhielt sie sogar Morddrohungen, von denen sie sich aber nicht beirren ließ.

Jens Jessen, Die Macht der Beleidigten, Die Zeit, 06.10.2016, S. 41

Nein, es handelt sich keineswegs um einen Artikel zu falschen Erinnerungen und dergleichen. Trotzdem hat dieser Aufsatz im Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit mit unseren Problemen mehr zu tun, als man auf den ersten Blick erkennt. Es geht um die Sehnsucht, ein Opfer zu sein, die allmählich nicht nur harmlose Folgen zeigt. Es geht darum, dass alle gesellschaftlichen Gruppen um Aufmerksamkeit konkurrieren und in den letzten Jahrzehnten dabei insbesondere ein Mittel einsetzen: den Opferstatus. Und damit sind wir bei einem Trend der Öffentlichkeit, der ganz wesentlich an der Entstehung von Trauma-Erinnerungstherapien beteiligt ist. Es ist die Aufmerksamkeit, die zwangsläufig jedem zuteil werden muss, der ein Opfer ist. Wehe, man verweigert ihm die Anerkennung! Opfer männlicher Gewalt, Opfer von Missbrauch, Opfer von Diskriminierung, Opfer von ethnischer Missachtung, … die Liste ist lang. Diese Atmosphäre ist fast eine notwendige Bedingung dafür, dass Psychotherapeuten und Lebenshelfer bei Hilfsbedürftigen als Erstes den Opferstatus ausmachen, und was liegt näher, als einen sexuellen Missbrauch in ferner Vergangenheit anzunehmen, ein Opferstatus par excellence, der obendrein den Vorteil hat, dass man ihn nicht ohne weiteres von der Hand weisen kann.
Der Aufsatz ist lesenswert.

Serie zu Erinnerungen und Erinnerungsverfälschung von Julia Shaw im Spiegel Online vom 16.08., 06.09. und 10.10.2016

Spiegel Online bringt in drei Folgen eine Kolumne von Julia Shaw zu Erinnerungen und falschen Erinnerungen, die lesenwert ist.
Hier die Links zu den Webseiten:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/falsche-erinnerungen-wie-unser-gedaechtnis-uns-truegt-a-1106007.html http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erzwungene-gestaendnisse-wie-man-einen-moerder-erschafft-a-1109479.html http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/wie-fotos-unsere-erinnerungen-manipulieren-koennen-a-1113050.html

Irrgarten der Erinnerung, ein Aufsatz über das Gedächtnis, FOCUS, 17.09.2016, S.80-89

Ein redaktioneller Aufsatz des Focus, in dem eine Reihe renommierter Forscher zitiert wird bzw. mit eigenen Beiträgen zu Wort kommt, unter anderen Elizabeth Loftus, Hans J. Markowitsch, Julia Shaw. Keine spezieller Aufsatz zu induzierten Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, aber ein Aufsatz, der aufzeigt, wie leicht man Erinnerungen verfälschen und verändern kann.

Die Kunst der Lüge und wie man sie enttarnt, ein Interview mit Professor Steller bei www.stern.de

Ausführliches Interview mit Professor Steller, das unter anderem auch auf die Erkennung falscher Erinnerungen vor Gericht eingeht. http://www.stern.de/panorama/stern-crime/die-kunst-der-luege–ein-gespraech-mit-psychologe-max-steller-6769256.html

Kartell des Schweigens? Zu schlimm um wahr zu sein, B&E-Magazin Frühjahr 2016, S. 13

Der Aufsatz ist von Frank-Schmidt-Wyk von der Allgemeinen Zeitung Mainz geschrieben. Angebliche furchtbare sexuelle Übergriffe der Kinder untereinander in einer katholischen Kindertagesstätte in Mainz wurden im Juni 2015 ruchbar. Sofort erhebt sich die üblich Hysterie, das Bistum kündigt allen Mitarbeitern der KITA fristlos, weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen seien. Die aber fühlen sich zu Unrecht beschuldigt und klagen gegen das Bistum. Ein halbes Jahr später sind die meisten Prozesse abgeschlossen und das Ergebnis ist: An den Vorwürfen war überhaupt nichts dran. Es heißt, die Mutter, die sie aufgebracht hatte, wollte sich damit für eine eigene schwierige Jugend rächen.

Wie oft soll noch der gleiche Film ablaufen? Worms, Münster, … die Liste ist lang. Jede angebliche sexuelle Verfehlung, sei es Kindesmissbrauch, sei es Vergewaltigung, alles wird sofort für bare Münze genommen und löst ein Welle von Hysterie aus. Vorwürfe gleich zu Anfang auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen ist gerade auf diesem Gebiet, wo die Beschuldigung selten auf handfesten Beweisen, sondern fast immer auf Zeugenaussagen entweder von Kindern oder von den Betroffenen Erwachsenen beruht, eine dringende Notwendigkeit. Andernfalls wird die Unschuldsvermutung, die in unserem Rechtsstaat angeblich gilt, sofort ad absurdum geführt, und am Ende gibt es nur Verlierer, wie in diesem Fall.

Das eingebildete Leben, Der Spiegel 1/2016, S. 14

Die Medien beschäftigen sich immer häufiger mit falschen Erinnerungen. In der ersten Ausgabe des neuen Jahres bringt der Spiegel einen Aufsatz von Manfred Dworschak mit dem Titel „Das eingebildete Leben“, in dem er ausführlich auf die Entstehung falscher Erinnerungen eingeht. Zu großem Teil beruht der Aufsatz auf Forschungen, durchgeführt von einem Team unter Führung von Stephen Porter (Kanada) — in Dworschaks Aufsatz gar nicht erwähnt –, und der Psychologin Julia Shaw (UK) als korrespondierender Autorin. Shaw erarbeitete die Daten und wertete sie aus. Beide sind seit Jahren für hervorragende Forschungen im Bereich der Gedächtnispsychologie bekannt. Das besondere an dieser Arbeit ist, dass ca. 70% von 60 Studienteilnehmern mit nur drei Interviews in einwöchigem Abstand — allerdings mit allen möglichen suggestiven Tricks — dazu gebracht werden konnten, falsche Erinnerungen an etwas zu entwickeln, an das man sich nicht gerne freiwillig erinnert. Bei der Hälfte der Teilnehmer waren das schmerzhaft-emotionale Erinnerungen, bei der anderen Hälfte sogar Erinnerungen an eigene kriminelle Aktionen, die sie in Konflikt mit der Polizei gebracht haben. Dass falsche Erinnerungen auch in Psychotherapien erzeugt werden, wird zwar erwähnt, steht aber nicht im Vordergrund. Ein zweiter Schwerpunkt in Dworschaks Aufsatz ist die Entstehung falscher Erinnerungen im intensiven Gruppengespräch. Während der Autor hier vor allem an soziale Medien denkt, werden Kenner der False-Memory-Problematik hier sofort an Gruppentherapien denken. Seine Beispiele holt Dworschak vor allem aus deutschen Prozessen der letzten Jahre und diskutiert eingehend die Konsequenzen dieser Forschungen für die Ermittlungstätigkeit der Strafverfolgungsbehörden.

Das soll Recht sein?, Die ZEIT vom 19. November 2015

Mit diesem Beitrag von Johann Schwenn, Rechtsanwalt und Strafverteidiger aus Hamburg, setzt die ZEIT ihre rechtskritischen Aufsätze fort. Er widmet sich den eingefahrenen Mechanismen im deutschen Rechtssystem, die immer wieder für Fehlurteile sorgen. Neben den bekannten Gründen, zu große Nähe von Staatsanwälten und Gericht, Fragen von Gesichtsverlust beim Gericht, und Richtern, die für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Zeugen weder ausgebildet noch qualifiziert sind, wird eine Tatsache besonders herausgestellt, die es ungeheuer erschwert, Fehlurteile zu korrigieren: Es gibt keine objektive Protokollierung der Äußerungen Prozessbeteiligter vor Gericht. Es gibt nur die eigenen Notizen der Richter. Schwenn bezeichnet diese Tatsache im Zeitalter digitaler Aufzeichnungsgeräte als Skandal. Revisionsgerichte müssen sich an den Urteilstext des Vorgerichts halten. Sind darin die Aussagen fehlerhaft wiedergegeben, so bleiben diese Fehler bestehen und können nicht korrigiert werden. Mit einem kritischen Blick auf die Rolle der Opferberatungsvereine (explizit genannt: Wildwasser) endet der Aufsatz. Der Aufsatz Das soll Recht sein? ist inzwischen Online gestellt.

Rezensionen zu dem neuen Buch von Prof. Max Steller: Nichts als die Wahrheit

Unsere kurze Besprechung auf dieser Website (siehe Literatur) dürfte eine der ersten sein, die zu diesem wichtigen Buch überhaupt erschienen sind. Inzwischen überschlagen sich die Besprechungen und ausführlichen Aufsätze in allen wesentlichen Tageszeitungen und Magazinen, häufig verbunden mit einem Interview des Autors. Es ist erfreulich, dass dieses Buch ein vielfaches und positives Echo in der Presse gefunden hat. Hier eine Auswahl:

Mit der Stimmgabel, Der Spiegel, 37/2015, S. 47

Der kurze Aufsatz von Gisela Friedrichsen ist ein knappe, aber sorgfälitge Rezension dieses ausgezeichneten Buchs. Sie hebt sie hervor, dass Steller „den missionarischen Eifer, die ideologische Verblendung und die Denkfehler so mancher Missbrauchslobbyisten, Psychotraumatologen und Hypnotherapeuten mit zweifelhafter Ausbildung“ anprangert.

Die eingebildete Tat, Die Zeit, 05.11.2015, S. 60

In diesem lesenswerten Aufsatz von Daniel Müller steht die mangelnde Lernfähigkeit der deutschen Justiz im Vordergrund.

Wahr­heit, Wahn und Willkür, Legal Tribune Online, 17.10.2015

In dem Rechsmagazin LTO findet sich eine Rezension aus der fachlich hochkompetenten Feder von Prof. Henning-Ernst Müller, Strafrechtler an der Universität Regensburg. Müller stimmt Steller im Wesentlichen zu, macht jedoch eine Einschränkung bei Stellers Ablehnung der polygraphischen Methode zur Wahrheitsfindung. Wichtig ist Müllers Feststellung, dass jede Verurteilung unschuldiger Täter auch den tatsächlichen Opfern schadet.

Hysterie verstellt den Blick aufs Wahre, Mittelbayerische Zeitung Regensburg, 11.11.2015

Der Autor Harald Raab bezeichnet Stellers Buch als ein unbequemes und „politisch nicht korrektes“ Buch, das Opferverbände verstärkt dazu bringen wird, Steller als „Täterschützer“ zu sehen. Es ist aber trotzdem eine sehr positive Rezension.

Dieser Mann entlarvt die besten Lügen, Berliner Zeitung, 13.10.2015; Lügner zweifeln nicht, Kölner Stadtanzeiger, 11.11.2015

Die Autorin Anja Reich hat sich mit Steller unterhalten. Ihre Besprechung ist gleichlautend an verschiedenen Stellen erschienen. Steller sieht sich aufgrund seines Buches und aufgrund mancher seiner Gutchten massiven Angriffen von Opferschützern ausgesetzt, und das, obwohl die Mehrzahl seiner Gutachten die Darstellung der Opfer bestätigen. Online lesbar bei der Berliner Zeitung.

Erinnerung: „Vergiss es!“ und „Fragile Spuren“, Die ZEIT vom 13. August 2015

Zwei Aufsätze von Stefanie Kara sind wichtig, schon der Titelaufsatz der Ausgabe „Vergiss es!“ ist interessant, weil er die Leistungen des Gedächtnis verständlich analysiert. Für unser Thema ist der Aufsatz „Fragile Spuren“ noch wichtiger, weil er unter anderem genau unsere Probleme schildert.

Beide Aufsätze sind inzwischen auf ZEIT-Online verfügbar und zwar unter:
http://www.zeit.de/2015/33/vergessen-gedaechtnis-entwicklung-gesellschaft-beziehungen-psychologie
http://www.zeit.de/2015/33/erinnerung-gedaechtnis-gericht-fehlurteil

Schmerzensgeld, Süddeutsche Zeitung 9. März 2015

Untertitel: Ein Mann wird verurteilt, weil ihn seine Pflegetochter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Fast zehn Jahre später wird er freigesprochen, und die Gutachterin steht vor Gericht.

Ein unbescholtener Mann wird 2004 von seiner 15 jährigen Pflegetochter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt und auf Grund eines psychologischen Gutachtens, das der Pflegetochter Glaubwürdigkeit attestiert, zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch als die Pflegetochter in einer Zivilklage Schmerzensgeld erreichen will, sind die Richter von ihren Vorwürfen nicht überzeugt. Ein neues psychologisches Gutachten kommt zu völlig anderen Ergebnissen. Das Strafverfahren wird fast 10 Jahre nach der ersten Verurteilung wieder aufgenommen und führt zum Freispruch. Doch nun das Besondere und Neue: Die Gutachterin des ersten Verfahrens muss 50 000 Euro Schmerzensgeld an den zu Unrecht Verurteilten zahlen. Psychologische Gutachter sind jetzt beunruhigt, weil sie für fehlerhafte Gutachten zur Verantwortung gezogen werden können.

Schuldig trotz Freispruch, Der Spiegel, 9/2015, S. 44/45

Der hier berichtete Fall markiert das Ende einer siebenjährigen Prozess-Serie. Der Verteidiger Derk Röttgering hat nicht nur den Freispruch seines Mandanten von einer im Rahmen eines Sorgerechtstreits entstandenen Falschbeschuldigung wegen sexuellen Missbrauchs erreicht. Er konnte auch erreichen, dass die Gutachterin, die seiner Tochter Glaubhaftigkeit bescheinigt hatte, wegen ihres grob fahrlässigen Gutachtens zu Schmerzensgeld veruteilt wird. Das Gegengutachten wurde von Prof. Köhnken aus Kiel erstellt. Schließlich aber erreichte der Verteidiger vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Bundesrepublik als Dienstherr des Münsteraner Gerichts zu Schadenersatz und Schmerzensgeld verpflichtet wird, weil es die Menschrechte verletze, wenn in der Begründung eines Freispruchs das Gericht die Meinung äußere, dass die Beschuldigung zu Recht geschehen sei, es aber nicht zur Verurteilung gereicht habe.

Aufsatz über falsche Erinnerungen in der Zeitschrift Kriminalistik

Der Autor Lothar Mack hat unter dem Titel Tat ohne Täter: Das Problem der falschen Erinnerungen in der Fachzeitschrift für Polizei und Justiz, Kriminalistik, einen wichtigen und sehr lesenswerten Aufsatz zu dem Grundproblem des Vereins False Memory Deutschland veröffentlicht. Lothar Mack ist Mitgründer des schweizerischen Vereins Sichtwechsel, der dort die gleichen Belange vertritt, wie False Memory Deutschland. Der Aufsatz ist erschienen im Juliheft der Zeitschrift: Kriminalistik 7/2014, S. 459 – 466. Den Volltext des Artikels finden sie hier.