Neue Bücher

Wichtige Neuerscheinungen!

Kai Funkschmidt (Hg.) False Memory: In der Therapie „wiedergefundene“ Erinnerungen, EZW-Texte 266, ISSN 0085-0357

False Memory Deutschland e. V. hat am 09.11.2018 in Frankfurt eine eintägige Fachtagung mit dem Titel „Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch: Wie entstehen sie? Was verursachen sie? Wie können sie vermieden werden?“ veranstaltet. Jetzt hat die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelische Kirche Deutschland (EZW) die Vorträge dieser Fachtagung in der Reihe EZW-Texte veröffentlicht.

Über die Fachtagung und damit den Inhalt der Vorträge wurde auf dieser Website bereits berichtet (Link). Mit dieser Veröffentlichung liegen nun die meisten dieser Vorträge im Volltext zum Nachlesen vor. Und dieses Nachlesen lohnt sich, weil hier wesentliche Gesichtspunkte von kompetenter Seite zusammengestellt sind.

In einem einleitenden Text zeigt der Herausgeber auf, dass die Frage falscher Erinnerungen im Zusammenhang mit Psychotherapie und sexuellem Missbrauch auch die Kirchen angeht, und man sollte sie im Hinterkopf haben, „insbesondere um Berichte über lange zurückliegende Fälle einzuordnen“.

Der Vortrag über Rechtsfolgen (Zillikens) wurde nur gekürzt aufgenommen, weil Teile davon nicht im Interessenbereich der EZW liegen. Der vollständige Text kann auf unserer Website nachgelesen werden (Link).

Das Heft kann zum Preise von 5,– € bestellt werden (https://www.ezw-berlin.de/html/119.php) .

Delfs, Hans: False Memory – „Erinnerungen“ an sexuellen Missbrauch, der nie stattfand

Erinnerungsinhalte werden nicht aus einem „Speicher“ abgerufen, sondern jeweils neu rekonstruiert. Das Gedächtnis kann durch Träume, Erzählungen, Ängste, Erwartungsdruck, Suggestivfragen oder andere Einflüsse „Erinnerungen“ entwickeln, denen kein reales Ereignis zugrunde liegt.
In Extremfällen können falsche „Erinnerungen“ an sehr traumatische Erlebnisse, die nie stattgefunden haben, insbesondere an sexuellen Missbrauch, erzeugt werden. Die/der Betroffene lügt nicht, sondern ist von der neu gewonnenen „Erinnerung“ überzeugt. Dieses false memory-Phänomen wurde erstmalig in den USA der 90er Jahre in sehr vielen Fällen bekannt.
TherapeutInnen können KlientInnen durch suggestive Einflüsse unbeabsichtigt dazu verleiten, Pseudoerinnerungen an Kindesmissbrauch zu entwickeln. Eine derartige Therapie ist nicht fachgerecht und basiert meist auf der Annahme, eine psychische Störung oder ein störendes Symptom sei auf Missbrauch in der Kindheit zurückzuzführen.
Die falsche Erinnerung führt zu falschen Anschuldigungen und zerstört regelmäßig Familien. Oft werden Polizei und Justiz eingeschaltet, demütigende und zermürbende Verfahren beginnen. Die Schäden im Leben sowohl der Therapierten als auch der zu Unrecht Beschuldigten sind – auch bei einem Freispruch – nicht wieder gut zu machen.
Dr. Hans Delfs schildert detailliert Abläufe und konkrete Beispiele. Er referiert allgemeinverständlich und komprimiert die einschlägige wissenschaftliche Literatur. Damit dient das Buch nicht nur Betroffenen zur Orientierung. Es verhilft auch sozialen Hilfsorganisationen, Psychotherapeuten, der ermittelnden Polizei und Verfahrensbeteiligten der Justiz zu einem wissenschaftlich fundierten Überblick.
Auf unseren Literaturseiten finden Sie die Kurzbesprechung zu diesem Buch.

Hasselmann, Petra: „Rituelle Gewalt“ und Dissoziative Identitätsstörung

Unter dem Stichwort „rituelle Gewalt“ sprechen – meist weibliche – Traumapatienten über psychischen und sexuellen Missbrauch in mafiös-kultartigen Szenarien. Bei Betroffenen und in therapeutischen Hilfesystemen wird an der Existenz des Gewaltphänomens festgehalten und in den meisten Fällen eine dissoziative Identitätsstörung angenommen. Polizeiliche Ermittler konnten jedoch bisher in keinem Fall Hinweise auf „rituelle Gewalt“ bestätigen und gehen von einer Art „Fabelwelt“ aus.
Die multimethodale rechtspsychologische Studie von Petra Hasselmann basiert auf Aussagen von mehr als 30 Betroffenen und bietet einen tiefen Einblick in ihre Lebenswelten. Die Traumatisierten erwarten von ihrer Umwelt, dass sie Zweifel an den Gewalt-„Erinnerungen“ ausräumt. Demgegenüber postuliert Hasselmann: Eine konstruktive und offene Befassung mit Zweifeln sowie ein umsichtiges Aufarbeiten des tatsächlich Erlebten oder falsch Erinnerten sind erforderlich, um die offensichtliche Traumatisierung zu bewältigen. Für die Akteure im Hilfesystem ist dazu eine Auseinandersetzung mit Simulation, Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit umumgänglich.
Die Studie bietet hilfreiche Einblicke in alle, die sich konstruktiv mit Fragen von Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit, falschen und erlebnisbasierten Erinnerungen sowie Selbstbestimmung und Abhängigkeit auseinander setzen möchten: v.a. Engagiert im Hilfesystem und in Ermittlungsbehörden finden in der verständlich geschriebenen Studie zielführende Hinweise.

Erik Vance, Suggestible You, Washington DC, 2016, ISBN 978-1-4262-1789-0

Wie der Titel sagt, befasst sich der Autor in diesem Buch mit Suggestion und Suggestibilität. Er versucht den Einfluss von Suggestionen vor allem auf medizinischen Gebiet zu verfolgen. Lange und ausführlich widmet er sich Medikamenten und Placebos. Für uns ist das Buch insofern interessant, weil er sich auch der Hypnose und suggestiven Therapien zuwendet. Besonders interessant sind neuere Forschungen, die mindestens im Falle der Placebos zeigen, dass bestimmte Gene in der Erbsubstanz regeln, welche Individuen stark und welche gar nicht auf die Suggestionen reagieren. Für andere Fälle von Suggestionen ist dieser Zusammenhang zwar bisher nicht wissenschaftlich untersucht, aber nicht unwahrscheinlich. Zu den gefährlichsten Suggestionen, die u.U. bleibenden Schaden hervorrufen, rechnet der Autor neben der Empfehlung schädlicher Medikamente auch die Aufforderung, die Erinnerung an traumatische Ereignisse in der Kindheit aufzudecken. Das Buch ist nur auf Englisch verfügbar

Shaw, Julia, Das trügerische Gedächtnis, München 2016
Shaw, Julia, The Memory Illusion, London 2016

Das seit Längerem angekündigte Buch ist im September 2016 auf Deutsch, zuvor auf Englisch, erschienen. Es ist eine außerordentlich lesenswerte Übersicht über alle Aspekte der Gedächtnisverfälschung, die im Gegensatz zu den meisten Büchern auf dem Markt auf sehr aktuellem Forschungsstand ist. Auch zeichnet sich das Buch dadurch aus, dass es mit der Alltagssprache auskommt, um komplexe psychologische Zusammenhänge zu erläutern. Eine Kurzbesprechung des Buches finden Sie in unserer Literaturübersicht.

Lotter, Cornelia, Durch die Hölle, 2016

Das Buch von Frau Lotter nennt sich Roman, kann aber mit gleichem Recht auch als Dokumentation bezeichnet werden. Es ist ein spannendes und ergreifendes Buch über die Schrecken therapeutisch erzeugter falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch, die alle Beteiligten treffen. Und es ist ein sorgfältig recherchiertes Buch, das viele und genaue Informationen über den Stand der Wissenschaft und über die soziale Struktur der Probleme falscher Erinnerungen enthält. Es ist wichtig für alle, die mit dem Problem falscher Missbrauchserinnerungen konforntiert sind. Eine kurze Besprechung finden Sie auf unseren Literaturseiten.

Weitere Literatur